Aufbau des Kubus in den Tiroler Alpen, 17. Oktober 2018

 

 

Kurt Bennings Stein im Gebirge

Kurt Benning hat die Idee, einen von Maschinen hyperexakt zugesägten, mächtigen Steinkubus als bildnerischen Kontrapunkt in eine naturbelassene Gebirgslandschaft zu setzen, über Jahrzehnte mit sich herumgetragen. In den Tiroler Alpen, hoch über dem Schwarzwassertal, hat er den idealen Ort für dieses Projekt gefunden. In dem engen Kar, der hinauf zur Bockkarscharte führt, erhebt sich eine sanfte Wölbung, die wie eine Aussichtsplattform in der Talmulde wirkt. An diesem markanten Ort musste das stereometrisch perfekte Kunstgebilde größte Wirkung entfalten. Die Simulationen des „Steins im Gebirge“ versprachen jedenfalls ein einzigartiges Miteinander von steiniger Landschaft und steinernem Bildwerk. Doch wie konnte man die vier Blöcke, aus denen der Kubus im Modell und in den Vorläuferversionen zusammengesetzt war – sie wogen in der vorgesehenen Höhe von 224 Zentimetern zusammen 28 Tonnen -, dort hinauf schaffen und ohne Kran millimeterexakt aufeinandersetzen? Die Schwierigkeiten schienen unendlich zu sein. Und so haben sich viele, die das Projekt kannten, schon mit dem Konzept des Kubus im Kar, mit der Utopie zufriedengegeben. Doch Kurt Benning, der Spurensicherer, der Fahnder in unbetretenen Regionen, gab nicht auf. Er konnte in Tirol noch die fällige Projektgenehmigung einholen, konnte die Blöcke im
Grüntener Hartsandstein noch zuschneiden lassen und die Schweizer Helikopterfirma für den Transport bestellen, aber bei der endlichen Verwirklichung in diesem Herbst war er nicht mehr dabei, da er am 24. März 2017 seiner schweren Krankheit erlegen ist.

Die Wanderer, die künftig auf dem „Jubiläumsweg“ – er führt von der deutsch-österreichischen Grenze herunter ins Tiroler Lechtal -, hier vorbeikommen, erleben also eine Begegnung der besonderen Art. Die vier Steinblöcke, die sich zum Kubus zusammenfügen und einen Tunnel umschließen, mussten für den Transport zwar in zwei Hälften geteilt werden. Doch das von Benning angestrebte magisch stille Umkreisen der quadratischen Öffnung in der Mitte durch die wechselweise stehenden und liegenden Blöcke ist auch nach der Teilung noch zu spüren. Ohne Beispiel aber ist die Wirkung, die der scharfkantig zugeschnittene Kubus am Ende des wilden Geröllfelds unterhalb des zackigen Berggrats auf der organisch weichen Wiesenkuppe ausübt.

Gottfried Knapp (aus der Süddeutschen Zeitung 22.12.2018)

 

 

Zur Geschichte des Kubus

Die Idee für das Projekt einer Steinskulptur im Gebirge ist nahezu 20 Jahre alt. Seinerzeit entstanden lediglich einige Modelle unterschiedlicher Größe in diversen Gesteinsarten, doch die Ausführung an einem dafür geeigneten Ort erschien mir damals als utopisch.

Wesentlich für den Sinn dieser Skulptur ist ihre Umgebung, die Natur. Zur Erhabenheit der Gebirgslandschaft stellt sie ein rationales und durchaus bescheidenes Gegenstück dar. Sie wirkt fremdartig angesichts der in unvordenklichen Zeiten aus der Erde emporgewachsenen Steinmassen, und der scheinbar chaotischen Prozesse ihrer fortwährenden Erosion. Jenseits der Dimensionen, die hier in Beziehung stehen, schließt sich jedwede Konkurrenz von vorn herein aus. Das die Natur und das Kunstwerk verbindende Element ist, vordergründig gesehen, jedoch das Material: Stein. (es handelt sich um Grüntener Hartsandstein, der mitunter in dieser Gegend „wächst“.) Das in den Alpen am häufigsten vorkommende Kalkgestein ist für eine Steinskulptur ungeeignet).

Die Skulptur an der oberen Grenze der Vegetation kann und will nicht mehr sein als ein von Menschen gemachtes Zeichen. In ihm sind jedoch Gesetzmäßigkeiten der Natur enthalten, wie sie in verschiedener Weise ihren Niederschlag gefunden haben in den wissenschaftlichen Disziplinen wie Geometrie und Mathematik. In den Entdeckungen und Beschreibungen der Naturgesetze geht es jeweils um Verhältnismäßigkeiten, die anwendbar sind im zivilisatorischen Prozess (z. B. Haus- und Städtebau, Verkehrswesen und andere Formen der Organisation), aber auch ihren Ausdruck findet in der Kunst.

Rückblickend erscheint es mir nun, als habe das Projekt insgeheim heranreifen müssen bis zum Spätsommer des Jahres 2011, als ich einen Freund eher beiläufig davon erzählte. Er, der gebürtige Allgäuer, war von der Idee sehr angetan und schlug vor, auf gemeinsamen Wanderungen einen geeigneten, wenn nicht idealen Ort im Gebirge zu suchen. Also machten wir im September 2011 eine Bergwanderung zum Prinz-Luitpold-Haus, und von dort auf die Bockkarscharte, wo die Grenze zwischen Deutschland und Österreich verläuft. Von dort oben hat man einen herrlichen Blick hinab in das tief abfallende Kar und weiter in der Ferne auf das Schwarzwassertal, eines Zuflusses zum Lech.

Der Freund hatte mir sicher nicht von ungefähr diese Stelle gezeigt, denn mir wurde urplötzlich klar, daß auf einer kleinen Erhebung am unteren Ende des Kars der ideale Standpunkt für die Skulptur gegeben sei.

Beim Abstieg über den linken Hand verlaufenden ‚Jubiläumsweg’ nahmen wir den angepeilten Standpunkt aus er Nähe in Augenschein, und auch von hier aus schien sich die Wahl für diese Position zu bestätigen. Denn vor allem war zu berücksichtigen, daß für diesen Ort keine Gefahr durch Steinschlag oder Lawinen bestand, oder durch im Lauf der Zeit sich ansammelndes Geröll und Steinschutt. Optimal war der Standort auch für die dem Wanderer sich bietenden Sichtachsen und Perspektiven: Aus der Ferne von der Bockkarscharte, als auch von dem in unmittelbarer Nähe vorbeiführenden Jubiläumsweg.

 

Die Form

Der Kubus ist ein in den Raum gesetztes Quadrat hoch 3, ein einfaches geometrisches Gebilde. Sein definiertes Volumen ist zugleich symbolischer Ausdruck für den unendlichen, unabschliessbaren Raum, eben dadurch, dass er eine bestimmte Form annimmt.

Im asiatischen Vorstellungsbereich steht das Quadrat für Haus, Stadt, Welt, – alles gleichermaßen Orte des Menschen. Der rechte Winkel ist von Menschen erdacht. Er hat etwas Sperriges, Statisches. Seit Anbeginn der Sesshaftigkeit ist er Grundlage rationalen Bauens.

 

Die Skulptur

Die Kantenlängen des Kubus betragen 224 cm. Er setzt sich zusammen aus vier gleich großen Quadern mit den Abmessungen: 224 x 128 x 96 cm. Der Kubus ist in der Weise zusammengefügt, dass jeweils eine Breitseite an eine Schmalseite eines benachbarten Quaders zu liegen kommt. Durch die Differenz von Höhe und Breite der Blöcke ergibt sich im Zentrum des Kubus ein Loch. Durch die ausgesparte Mitte und die Art der Setzung der Steine entsteht eine optische Rotationsdynamik, die der Statik des blockhaften Ganzen entgegen wirkt. Das „Ganze“ besteht aus der sich ergänzenden Differenz von Bewegtheit und Ruhe.

Die Skulptur lässt sich auch anhand von Zahlenverhältnissen beschreiben, den Proportionen 1, 3, 4, 7.

1 bezeichnet die Öffnung im Zentrum, bzw. die “ leere Mitte“ der Skulptur.
3 und 4 stehen für Schmal-und Breitseiten der Quader.
7 betrifft die Längen der Quader, sowie die Kantenlängen des Kubus.
Die Abmessungen der Skulptur beruhen also auf den Proportionsverhältnissen 3:4:7, wobei 3+4 =7 ergibt. Infolgedessen ist der Kubus 7 x 7 x 7 groß. Das ergibt 343. In der Mitte dieser Zahl steht die 4, das geometrische Zeichen für Quadrat, – als auch für das „leere Quadrat“ im Zentrum der Skulptur.

Kurt Benning, 2016

 

Gutachten von PD Dr. Wolfgang Meighörner

Das von Kurt Benning im äußersten Westen des Schwarzwassertals im Tiroler Außerfern projektierte Kunstwerk in Form eines Kubus mit einer Kantenlänge von 224 cm (vgl. Konzept des Künstlers) ist ein wohlüberlegtes, angepasstes und zurückhaltendes Kunstvorhaben. Mehr als das: es ist ein wohltuendes, vorbildliches und die Großartigkeit der Natur unterstreichendes Vorhaben.

In seiner Materialität, der bewussten Auswahl eines lokalen Steinmaterials, unterstreicht es die Hinwendung zur Region. Die klare geometrische Form steht nur auf den ersten Punkt dazu im Widerspruch: gerade der Gegensatz vermag dem Betrachter die Vielfalt und die Vielgestaltigkeit der umgebenden alpinen Natur um so deutlicher vor Augen zu führen. Auch die im Vergleich zur Umgebung sehr zurückhaltende Dimensionierung zeigt die Wertigkeit, die der Künstler der Natur beimisst.

Das Land Tirol ist mit seiner großartigen und prägenden Bergwelt in jüngerer Zeit bereits mehrfach Bühne für großartige, meist architektonische Werke geworden. Die Kapelle am Schaufeljoch (AO Architekten/Innsbruck) ist hierfür ebenso Beispiel wie das Passmuseum am Timmeisjoch (Architekt Tscholl/Südtirol). Mit einem sehr viel zurückhaltender dimensionierten Kunstwerk könnte nun auch im Außerfern ein „landmark“ errichtet werden, das mit seiner grenznahen Lage weithin wirkt, ohne durch schlichte Größe beeindrucken zu müssen.

Das projektierte Kunstwerk „Kubus“ ist in seiner zurückhaltenden Dimensionierung daher auch ein deutlicher Hinweis auf die Naturbezogenheit; es will nicht auffallen durch Größe, sondern durch eine pointierte, intellektuell hinterlegte zur Auseinandersetzung mit der gewachsenen Natur anregen. Hierzu bedient es sich einer klaren geometrischen Form, die es von seiner direkten Umgebung abhebt, aber in der gewählten Materialität einen deutlichen Bezug zur Umgebung bietet.

Aus der Sicht der kulturellen und künstlerischen Entwicklung in Tirol ist eine Realisierung deutlich zu befürworten.

PD Dr. Wolfgang Meighörner, 2016
Direktor der Tiroler Landesmuseen

 

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Anmerkungen zu einer Steinskulptur von Kurt Benning (1993)

In einem Arbeitspapier schreibt Benning:

Der Kubus aus Stein (Fürstensteiner Granit, Bayer. Wald) mit den Abmessungen 189 x 189 x 189 cm setzt sich zusammen aus 4 gleichgroßen Quadern, von denen jeder 189 x 108 x 81 cm -mißt. Der Kubus ist in der Weise zusammengefügt, daß jeweils eine Breitseite an eine Hochkante benachbarter Quader zu liegen kommt. Durch die Differenz von Höhe und Breite der Quader ergibt sich im Zentrum des Kubus ein Lach. Durch die ausgesparte Mitte und die Art der Setzung der Steine entsteht eine Dynamik, die der Statik des Ganzen komplementär entgegenwirkt. Das ‚Ganze‘ besteht aus der sich ergänzenden Differenz von Bewegtheit und Ruhe.

Der Kubus läßt sich auch abstrakt, anhand von Zahlenverhältnissen, beschreiben:

Das Loch, die leere Mitte, verhält sich zu sich selbst wie 1:1. In der dritten Dimension, der Raumtiefe, ergibt sich das Verhältnis 1:7. Die Seitenlänge des quadratischen Lochs steht zur Peripherie des Kubus wie 1:3. Höhe und Breite eines jeden Quaders stehen im Verhältnis von 4:3. Die Höhe, Breite und Tiefe (bzw. Länge) eines jeden der 4 Quader stehen im Verhältnis von 3:4:7, bzw. 4:3:7. Die Addition von Höhe und Breite eines jeden Quaders, 3+4, ergibt 7, die Tiefe bzw. Länge eines jeden Quaders.

Der Künstler beließ jedem geschnittenen Quader seine Blockhaftigkeit. Sie ist gleichsam die geometrische Grundform und erfährt im Zusammenspiel der vier Teile einen Zugewinn an tektonischer Aussage. Tragende und lastende Teile definieren einen zentralen Binnenraum, so daß die Skulptur eine Metamorphose zur Architektur hin erlebt. Unter den Händen von Kurt
Benning bleibt der Stein ein Stein, und doch zeigt die gestalterische Formensprache eine Ambivalenz von Natur- und Kunsthaftigkeit.

Bestimmungsort dieser Skulptur ist die Natur, d.h., woher sie kommt, dort soll sie auch zu stehen kommen: in einer Landschaft, die den Eindruck gewährt, möglichst naturbelassen zu sein.

Gesockelt in der Erde, wächst sie daraus hervor – ist es noch gerechtfertigt, einen rechteckigen Formenschatz der Kunst- und nicht der Naturhaftigkeit zuzuordnen? Gibt es in einem derartigen Beziehungsgeflecht überhaupt noch die Frage, wo das. Moment der Monumentalität beginnt? Sie tritt nicht mehr auf und wird nicht „fühlbar“, da Natur nur noch aus dem Blickwinkel von Kultur gesehen werden kann. Spürbar bleibt nur noch der Stein an sich, als ein Urelement des Menschen, mit dem er in frühen Zeiten seiner Geschichte sich und seiner Stellung innerhalb der Natur mehr und mehr bewußt wurde.

1976: Entstehungsdatum einer Bleistiftzeichnung, die den Titel ,,In der Landschaft eingewachsen“ trägt. Motiv: In der Weite einer Landschaft lassen sich zwei Gestalten ausmachen, die bis zum Rumpf in der Erde sind. Alptraum oder Sehnsucht, Moorlegende oder Kythera? Januar 1989: Entstehungszeit einer Zeichnungsserie zum Thema „Kreuz und Quadrat“. Daraus ein Blatt Kurt Bennings, das deutlich auf den 1993 entstandenen Kubus verweist: vier gleichgroße Rechtecke sind auf dem Papier so einander zugeordnet, daß in deren Mitte eine leere Fläche entsteht, gleichsam das Loch des Kubus. Gezeichnet mit Kohle, taucht hier die Idee der nun ausgeführten Skulptur auf. Vier Rechtecke ergeben ein Quadrat, das als Form „den Prototyp des ‚umgrenzten Bereichs‘ darstellt, in komplementärer Doppelfunktion im Sinne von Hort (geschützter Ort) und Gefängnis. Im asiatischen Vorstellungsbereich steht das Quadrat für Haus, Stadt, Welt; alle gleichermaßen Orte des Menschen.“ (Kurt Benning)

Dr. Herbert Schneidler, 1993 (aus dem Katalog der Städtischen Galerie Regensburg)

 

 

 

 

Aufbau des Kubus in den Tiroler Alpen, 17. Oktober 2018