Selbstportrait mit Mutter

Es war ein Winter mit Schnee, fast wie in den Jahren meiner Kindheit.

Über Weihnachten und Neujahr war ich mit meiner Mutter und Nina in Pleystein, einem größeren Dorf in der Oberpfalz, in dem sowohl meine Mutter, als auch ich geboren und aufgewachsen waren. Bei einem unserer Spaziergänge bat ich Nina, meine Mutter mit mir zusammen zu photographieren, denn aus einem bestimmten Grunde war es mir wichtig, ein Doppelportrait zu haben, hier in Pleystein, dem Ort, mit dem uns so vieles verband.

Die verwitterte Bretterwand einer alten Scheune, die ich aus früheren Jahren kannte, schien mir ein geeigneter Hintergrund zu sein. Sie entsprach in etwa dem dunklen oder hellen Tuch, wie man es zur Frühzeit der Photographie in ländlichen Gegenden im Freien aufspannte, um davor Personen oder Personengruppen abzulichten. Ich hatte für den Spaziergang mit Bedacht einen Mantel des Vaters meiner Mutter angezogen, den vornehmen mit dem schwarzen Samtkragen. In solchen Mänteln sah man nur noch selten alte Herren auf dem Lande, nicht beim sonntäglichen Kirchgang, doch hin und wieder auf Beerdigungen. Ich erinnerte mich an ein Photo meines Großvaters, auf dem er, an ein Brückengeländer gelehnt, diesen Mantel trug, ein Photo, das meine Mutter von ihm im Winter 1941 gemacht hatte. Ich erinnere mich auch an die Bemerkung meiner Mutter, als ich mir diesen Mantel anzog: »Mach dich nicht lächerlich«, sagte sie, »was sollen denn die Leute von Dir denken?« Das traf ziemlich genau meinen Sinn für Anachronismus, doch kaum die Sorgen meiner Mutter, was >die Leute< von ihrem Sohn denken mochten. Dieser Mantel ist mir immer ein heiliges Relikt meines Großvaters gewesen. Er hing, soweit ich weiß, stets im Schrank, und dürfte seit seinem Tod von niemandem mehr getragen worden sein.

Die beiden Photos hier unterscheiden sich in zweifacher Hinsicht; einerseits durch meine Kopfhaltung, andererseits durch die Handhaltung meiner Mutter. Auf dem zuerst gemachten Bild sehe ich seitlich zu meiner Mutter hin. Man könnte den Eindruck haben, als sei der Auslöser versehentlich einen Moment zu früh gedrückt worden. Das zweite Bild hingegen ist, sozusagen, richtig.

Die Hand meiner Mutter auf dem ersten Bild ist beinahe krampfhaft geschlossen, um den Mantelkragen zusammen zu halten. Auf dem anderen Bild liegt die Hand flach ausgestreckt über der Brust. Wäre die Handhaltung nicht durch die Witterung bedingt, weil vielleicht der obere Mantelknopf fehlt, so könnte man sie auch als eine unbewusste Geste sehen, die ausdrücken möchte: Das bin ich. Oder auch: Bin ich das?

Bei einer späteren Betrachtung der Photos, insbesondere der Hand meiner Mutter vor ihrem Körper, dachte ich dann, der Tod ist eine Erkältung, leicht wie ein Hauch. – Nicht, daß eine Erkältung immer den Tod bringt, doch bei all den vielfältigen Möglichkeiten ist die Folge stets die Erkaltung des Körpers.

An diesen Wintertagen zwischen den Jahren 98/99 in Pleystein waren erste Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung meiner Mutter zu erkennen, wie ich rückwirkend weiß, die ich seinerzeit aber lediglich als Altersresignation deuten wollte. Sie machte mehrfach irritierende, ja beunruhigende Äußerungen, wie z. B. über die Schuhe, die sie sich gewünscht und von mir zu Weihnachten bekommen hatte. »Jetzt brauche ich keine anderen Schuhe mehr bis zu meinem Lebensende.«

Während eines Abendessens im Gasthaus sagte Nina zu mir, meine Mutter betreffend: »Der Geist weiß nicht wohin mit dem Körper.« Das war eine Reaktion auch darauf, da eines Nachts die Mutter stumm vor unserem Bett stand. Als sie den »unbeirrbaren Wahnsinn«, wie sie sagte, nicht mehr aushielt, flüchtete sie aus dem Lokal. Nachdem Nina gegangen war, sagte mit ruhiger Miene meine Mutter zu mir, sie sei nach Pleystein gefahren in der Meinung, in diesen 14 Tagen hier zu sterben.

Auf den beiden Photos ist meine Mutter 78 Jahre alt. Im Alter von 86 ist sie in München, nachdem sie alle Stadien der Alzheimerkrankheit durchlaufen hatte, gestorben. Auf dem Pleysteiner Friedhof habe ich sie dann, ihrem Wunsch folgend, begraben.