Die Ordnung auf dem Tisch

 

Die Ordnung auf dem Tisch: 18 Stoffdrucke, 42 x 28 cm

Die hier vorliegende Arbeit ist eine sehr persönliche, da sie einen Aspekt meiner Biographie darstellt, oder anders gesagt: es handelt sich um dokumentarisches Lebensmaterial. Gleichwohl hoffe ich, daß diese Photos nicht bloß rein privatistischen Charakters sind, sondern darüber hinaus eine Sichtweise schildern, die jedem altmodischen Schreibtischarbeiter geläufig sein dürfte, ob sie nun bewußt  wahrgenommen oder auch nur beiläufig registriert wird.

Vor etlichen Jahren schon ist mir das Motiv der Ordnung auf dem Tisch aufgefallen. So ist unter diesem Aspekt eine Anzahl von Photos entstanden, von denen diese Ausstellung eine Auswahl darstellt.

Unter den verschiedensten Arrangements, – sei es an heimischen Schreibtischen oder auch anderswo, finden sich im Wesentlichen die immer gleichen Dinge. Zum festen Bestand gehören in jedem Fall der Notizkalender, Kugelschreiber, ein Buch, die Lesebrille, ein Weinglas, Zigaretten, Feuerzeug und Aschenbecher. Oft fehlt auch eine Kerze nicht, die den Fortgang der Arbeit oder auch deren Stillstand bewacht.

Da ich die Angewohnheit habe, des Abends solo auswärts zu essen, und mich dabei zu beschäftigen, wird am Tisch für die Dauer der Sitzung mein ‚ambulantes Büro‘, wie ich es nennen möchte, etabliert; wobei in rauchfreien Räumen dann aber die Rauchutensilien fehlen. Im Gegensatz zu den über längere Perioden

gewachsenen Ordnungen der Dinge auf den häuslichen Arbeitstischen sind die temporären Ensembles  auf den jeweiligen Wirtshaustischen zwar leicht überschaubar, ihre Anordnung aber dennoch nicht ganz unproblematisch, weil es darum geht, die wenigen Gegenstände zueinander in Beziehung zu setzen. Was heißt das? Um das zu erklären, muß ich zu einem kleinen Exkurs ansetzen, der womöglich die Grenze zum Pathologischen berührt, vielleicht aber auch nur die skurrile Marotte eines Einzelgängers beschreibt.

Eine Ordnung auf dem Tisch ist selbstredend immens praktisch, kann aber gleichermaßen zum Ausdruck einer Obsession werden. Es ist mir nämlich nicht gleichgültig, wie die Dinge herumstehen, sie müssen vielmehr in einem bestimmten räumlichen Verhältnis zueinander angeordnet werden. Die Abstände der Gegenstände untereinander werden intuitiv gefunden, folgen also einer mir unbekannten Gesetzmäßigkeit. So kann es beispielsweise sein, daß der Aschenbecher zu weit rechts steht und ein wenig verrückt werden muß, was wiederum einen Einfluß hat auf die Position des Weinglases, beziehungsweise anderer in der Nähe sich befindender Dinge. Möglicherweise spielen dabei die ihnen zugesprochenen Wertigkeiten eine Rolle, vielleicht aber eher noch deren Masse, ihr Material, ihre Größe und Form. Insofern könnte man von einer Symbiose sprechen zwischen Ordnungsbedürfnis und einem unbestimmten Gefühl für Harmonie.

 

Würde man die Ordnungen, wie sie im häuslichen Gebrauch praktiziert werden, vergleichen wollen mit einem größeren Ganzen, etwa dem planetarischer Systeme, – was sich doch weit außerhalb der menschlichen Erfahrung ereignet, und doch ob ihrer Harmonien zu Ehrfurcht Anlass gibt, – so ist das sicher eine gewagte Spekulation, faszinierend daran ist für mich jedoch die Vorstellung der Entsprechung.

Da es in der Kunst nichts zu beweisen gibt, weil es um das Verhältnis des Menschen zu sich selbst und seiner emotionalen Wahrnehmung der Welt geht, möchte ich an dieser Stelle auf den Maler Morandi zusprechen kommen. Obgleich seine Malerei sehr konkret ist, ja geradezu metaphysisch anmutet, läßt sich dennoch sagen: In seinem Hauptwerk hat er die Welt zu einem einzigen Sujet abstrahiert, also verdichtet im Motiv der Flaschen und Gefäße, die in immer wieder anderen Anordnungen und Variationen Entsprechungen dessen sind, was es sonst noch gibt in der Welt. Mit kaum einen anderen Motiv als der Darstellung der Behältnisse, die nichts beinhalten, wäre das was die Welt ausmacht, besser zu bewerkstelligen gewesen. Und die Bühne, auf der all das präsentiert wird, ist der Tisch.

Bisweilen geraten Ordnungen außer Kontrolle, weil sie zu komplex geworden sind, oder einem veraltet vorkommen. Dann stehen Veränderungen an bis hin zur Radikalität. Man macht tabula rasa im persönlichen Bereich, oder im größeren Rahmen eine Revolution.

Bei mir ist das zuletzt vor 5 Jahren der Fall gewesen, als ich meinen großen Arbeitstisch aufgeräumt habe. Solche Aufräumarbeiten können einen therapeutischen Effekt haben, im Sinne einer Selbsterfahrung. Man stößt auf längst vergessene Notizen oder Schriftstücke, erinnert sich mitunter an ihre Zusammenhänge, die sich im Lauf der Zeit zumeist von selbst erledigt haben; vielleicht greift man auch liegengebliebene Projekte wieder auf, falls sie einer kritischen Prüfung noch standhalten. In dem man Schicht um Schicht abträgt, stellt sich unwillkürlich der Vergleich zur Archäologie ein, denn ein Nebenprodukt dieser methodisch verlang- samten Wühlarbeit ist auch die erneute Klassifizierung der ‚Fundstücke‘. Beim Abräumen fällt auch viel ‚Abraum‘ an, mit dem der Papierkorb gefüttert wird.

Und auch der Staub, der sich in all der Zeit angesammelt hat, darf nicht unerwähnt bleiben. Es ist diese federleichte, wertlose Materie, die sich sanft über alles legt und jedwede Substanz, gleich welcher Wertigkeit, egalisiert, eine Metapher der Vergänglichkeit.

„Wissen´s …heut ist alles so sauber, man ist zu sehr auf Sauberkeit bedacht. Ich
bin für Staub, der vom Standpunkt des Künstlers etwas unerhört Schönes ist.“
Alfred Kubin (Zitiert aus: Ludwig Rosenberger, Wanderungen zu Alfred Kubin, 1938)

 

Kurt Benning, 2013

Anlässlich der Ausstellung „Tabula Rasa / Die Ordnung auf dem Tisch“ in der Galerie Huber

 

tabula rasa: 9 Tintenstrahldrucke auf MDF Platte aus diversen Videosequenzen, 21 x 16,7 cm