Quelle-Komplex

 

Werkgruppe Quelle-Komplex. 1978-79

Die Bezeichnung dieser Werkgruppe bezieht sich auf mehrere Jahrgänge von Katalogen des Warenhauses „Quelle“, denen ich das Material für die Collagen entnahm. Die buntbedruckten Seiten, produziert von Designern, Werbefachleuten und Redakteuren, hatten für mich einen ästhetischen Reiz im Sinne von unbeabsichtigten Kunstwerken, nicht zuletzt durch das unmittelbare Nebeneinander von abgebildeten Waren und deren zahlenmäßig benannten Preise. Die Intention dieser Katalogseiten war natürlich auf die Verführbarkeit der Kunden gerichtet, wobei dem jeweiligen Gebrauchswert eine Zahl zugeordnet war. Bestechend war, und ist, nach wie vor der schier unerschöpfliche Fundus der Warenwelt, und die Sugestion der Käuflichkeit von Allem im Kosmos des Konsums.

Meine Arbeit an den Collagen bestand darin, zunächst einzelne Abbildungen aus den Katalogen auszuschneiden, die mir in irgendeiner Weise interessant, kurios oder auch banal erschienen. So kamen hunderte einzelne Ausschnitte zusammen, ohne bereits zu wissen, was ich damit anfangen sollte. Doch während dieser handwerklich akkuraten Arbeit von fast meditativen Charakter ergaben sich nach und nach die Ideen zu den Collagen.

Zunächst wurde das Konzept für die 6 großen Collagen entwickelt, die formal und inhaltlich aufeinander Bezug nehmen. Die Auswahl und die Verteilung der Ausschnitte auf der Tafel 1 erfolgte intuitiv. Auf den 5 weiteren Tafeln im Wechselspiel die Positionen der Gegenstände verändert, aber auch die Gegenstände selbst durch andere ersetzt. Es ist klar, daß der Hintergrund stehts schwarz sein muß, damit die farbigen Dinge, was immer sie sein mögen, leuchten. So schweben die Dinge, ihres Zusammenhangs beraubt, wie Zivilisationsschrott, auf ihren je eigenen Bahnen in der Tiefe des Raums. Es ging mir auch darum, die sogenannte Warenästhetik einerseits aufzugreifen, zugleich aber auf eine Metaebene zu bringen.

Kurt Benning, Mai 2010

Quelle Komplex 1-6

6 Collagen, schwarzer Samtkarton, farbiges Papier, 95 cm x 70 cm, gerahmt

 

 

 Triptychon

3-teilige Papiercollage auf schwarzem Karton, je 40,5 cm x 30,5 cm, gerahmt

Triptychon

 

 

Text aus dem Katalog zur Regensburger Ausstellung 1993

Andreas Strobl

 

Benning geht noch einen Schritt weiter in die Warenwelt. Eine Reihe von Collagen aus Versandhauskatalogen spielen mit der Wiedererkennbarkeit der ausgeschnittenen Abbildungen und mit der formalen Anordnung ihrer zeichenhaften Formen. Zeichenhaft werden die Formen , indem die Gegenstände aus ihrer Umgebung, in der sie angepriesen wurden, herausgeschnitten sind. Seltsamerweise stellt sich dabei heraus, daß diese Waren immer mittels der Darstellung ihrer räumlichen, also perspektivisch gesehenen Präsenz vorgeführt werden, die anscheinend ihre Verfügbarkeit, also Käuflichkeit im Sinne der Konsumpsychologie, optimal suggeriert. Isoliert des Zusammenhangs, Sinns und der Verständlichkeit beraubt, schweben sie nun in der schwarzen Fläche und werden zu reinen – wenn auch komplexen – Formen. Erst wenn der Betrachter sich in die einzelnen Dinge vertieft, ihren Sinn und ihre Erscheinung rekonstruiert, wird der Zusammenhang klar, aus dem sie stammen. Zuvor bietet die Abfolge der Collagen das reine Spiel mit Formen, die kreisend schweben: Einmal in gleicher Anordnung unterschiedlicher Gegenstände, ein andermal gleiche Gegenstände in unterschiedlicher Anordnung, als wäre diese lockere und eher zufällige Ordnung das Thema. Aber das ist vielmehr – denke ich – die Dichotomie in das reine Spiel mit Formen und das freundliche Schweben der verfügbaren Warenwelt, eine Persiflage auf Konsum- und Werbewelt. Diese „kunstfremde“ Welt wird zugleich mit der Anordnung als formale Variation der – auf den ersten Blick – gegenstandslose Zeichen ernst genommen. Es geht eben nicht nur um Parodie. Was sich so ernst und ideologisch belastet anhört, ist doch ganz spielerisch unverkrampft und – wieder – durch den Betrachter im Laufe des Anschauens zu rekonstruieren.

 

 

Staubablagerungen