Angelika Jochem-Burger

Liebe Noa und Nina – lieber Peter und liebe Anja Pinnau und lieber Wolfgang Seiss – liebe Bekannte, Freunde, Nachbarn und Künstlerfreunde von Kurt, liebe Pleysteiner, liebe Trauernde.

Aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen kommend, führt uns der Tod von Kurt Benning hier zusammen. Neben dem Verlust eines wertvollen Menschen stellt jeder Tod uns vor die uralte Menschheitsfrage: Woher kom­men wir? und: Wohin gehen wir? Wir alle stehen vor diesem Tor, durch das Kurt nun hindurch und uns vorausgegangen ist. So ist jeder Tod auch eine drängende Frage an jeden Einzelnen von uns.

Und von der Beantwortung dieser Frage hängt der verbleibende Rest un­seres Lebens ganz entscheidend ab. – Was trägt uns im Angesicht des Todes? Was hat Bestand in unserem Leben? Die vermeintlichen Garanten des Lebens, wie Besitz, Erfolg, Ansehen, Ruhm und Cenuss, sind bedeu­tungslos geworden. Vor diesem letzten Tor unseres Lebens stehen wir sehr alleine.

Diese Barriere zwischen der sichtbar-irdischen und der unsichtbar-jensei­tigen Welt haben alle Religionen zu lüften versucht. Alle Hochreligionen und auch die Naturreligionen ahnen etwas von dem geistigen Weiterleben nach dem Tod – wenn auch in sehr unterschiedlicher Weise.

Die prophetischen, westlichen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) sprechen von einer Läuterung der Seele nach dem Tod – dann von einer Gemeinschaft der Erlösten in der Gegenwart eines barmherzigen Gottes. Die mystischen, östlichen Religionen (Hinduismus und Buddhis­mus) lehren eine fortschreitende Höherentwicklung und Vergeistigung des Menschen durch zigtausende von Erdenleben – bis die Erleuchteten dann ins Nirwana eingehen. Der Zusammenhang von irdischem und jenseitigem Leben bleibt gewahrt. Alle Religionen feiern den Tod als Zielpunkt unseres Lebens und den Beginn einer neuen Existenz. Wie Trost-spendend für den Sterbenden. Er geht einer Heimat entgegen.
Erst der moderne Mensch mit seinem verengten Blick nur auf diese materi­elle, messbare und sichtbare Welt hat diese Trost-spendende Sicht verstellt. Der Tod wurde dadurch zu einer lebensvernichtenden Katastrophe – die wir daher ausblenden, verschweigen und tabuisieren. Es stirbt sich schwer in unserer modernen westlichen Welt.

Die Religionen bieten ja nur, wie wir sagen, Ahnungen und Spekulationen. Und schon Feuerbach sprach in der Mitte der 19. Jahrhunderts davon, dass unsere Wunschvorstellungen einen Gott erschaffen und vorgaukeln, den es gar nicht gibt.

In einem Weltbild, in dem ausschließlich der Verstand regiert, mögen solche Argumente greifen. Aber der Mensch lässt sich nicht ausschließlich vom Intellekt her erklären. Die messbaren Fakten der Außenwelt geben uns keine Auskunft über unser Menschsein, den Wert und unsere Bestimmung des Lebens, über Sinn und Glück unseres Daseins. Wir haben auch eine Innenseite: in unseren Herzen und Seelen, da finden wir Antworten auf diese existentiellen Fragen. „Man sieht nur mit dem Herzen gut”, sagt der kleine Prinz von Exupery, „das Wesentliche bleibt für unsere Augen un­sichtbar.”

Und wenn wir unsere Herzen befragen, so finden wir in allen Menschen, egal aus welchem Kulturkreis, eine stark antreibende Kraft: die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Geborgenheit, Gemeinschaft und Güte. Die Hoffnung auf eine heile Welt und vor allem auf Frieden. Denn wir leiden an dieser Welt.

Ist diese Sehnsucht, die uns alle bewegt und verbindet, nicht auch eine Tatsache – wenn auch eine unsichtbare, innere? – Unsere Seele ist auf ein Ziel hin orientiert, das unsere reale Welt des Unheils, der Gewalt und der Zerrissenheit bei weitem übersteigt. „Ohne die jenseitige Welt bleibt die diesseitige ein elendes Jammertal”, sagt Schleiermacher.

Woher kommt diese wirkmächtige Hoffnung, diese Sehnsucht in allen Menschen, die angesichts des Todes neu an Kraft gewinnt?

Tief in uns verborgen und unzugänglich für alle weltlichen Mächte, wohnt eine Kraftquelle, die uns körperlich wie seelisch am Leben erhält und trägt. Diese göttliche Quelle wird uns oft erst bewusst, wenn wir in Not und Bedrängnis geraten: dann steigen ungewußte Entscheidungen, kreative Einfalle, auch Trost und Überlebensstrategien ganz plötzlich aus unserem Seelengrund herauf. Wer kennt das nicht, dass wir verzweifelt einschlafen und nicht mehr weiter wissen in unserem Leben – und am nächsten Morgen mit der Lösung des Problems aufwachen, obwohl sich äußerlich nichts verändert hat?

Für diese Erfahrung finden wir im Alten Testament das Bild von einem Wasserkrug und einem Laib Brot, die ein Engel einem verfolgten und in Todesnot geratenen Propheten (z. B. Elias) in die Wüste gebracht hat. Ein wunderbares äußeres Bild für eine innere Erfahrung: es gibt eine geistige Wirklichkeit, die uns hilft und beschenkt und uns am Leben erhält.

Wir modernen Menschen übersehen solche leisen Erfahrungen gern, oder finden es naiv, an Engelhilfe zu glauben – meinen wir doch zu gerne, alles selbst geleistet zu haben und vor allem „Alles im Griff zu haben” und selbst der Schöpfer unserer Ideen und Gedanken zu sein.

Für die zarten Erfahrungen müssen wir achtsam und vor allem still werden. Den Lärm des Alltags verlassen, vielleicht zu einer spirituellen Lektüre grei­fen, uns selbst und unser Leben in großer Ruhe reflektieren, uns auf eine Meditation einlassen und ins Gebet kommen.

Allerdings bemerkte schon der dänische Philosph, S0ren Kierkegaard, um 1830: „Die Tragik des modernen Menschen besteht darin, dass er es keine Stunde mit sich selbst alleine in einem Raum aushält.” 1830 ! Was würde er wohl heute sagen? Es bedarf demnach eines längeren Übungsweges, diese leisen Erfahrungen in sich wahrzunehmen.

Und Jesus sagt: „Das Himmelreich liegt inwendig in Euch”. Und er ver­gleicht dieses Himmelreich in uns mit einem verborgenen Schatz, der in einem Acker vergraben liegt. Oder mit einer kostbaren Perle, die so wertvoll ist, dass der Finder sein gesamtes Hab und Gut dafür dran gibt, um sie zu erwerben.

Nehmen wir Kurt Bennings Tod zum Anlass, unsere Wahrnehmung auf dieses inwendige Himmelreich in uns zu richten – auf diese göttliche Gegenwart in uns, die uns erhält und nährt. Dann werden wir dankbar für alles, was uns geschenkt ist. Wir werden kreativer und verstehender einer Welt gegenüber, die so viel Not und Gewalt birgt.

Wenn wir uns mit dieser geistigen Welt in uns vertraut machen, ein Stück weit in ihr und aus ihr leben lernen, dann werden wir in unserer Todesstunde getrost in diese zweite Heimat hinübergleiten, in die endgül­tige Gegenwart Gottes. Amen.

 

Ganz besonders danken wollen wir für die überwältigende Hilfeleistung für Kurt in den letzten drei Jahren seiner Krankheit: für die Anteilnahme und treue Zuwendung und die praktische Hilfe: die selbstverständliche Begleitung von Arzt zu Arzt, von Therapie zu Therapie, von Krankenhaus zu Krankenhaus, ob in Bogenhausen, dann in Stuttgart und schließlich in Solln. Dadurch konnte sich Kurt noch ein wenig um seine künstlerischen Arbeiten kümmern, die ihm so sehr am Herzen lagen. Seine drei Engel -Peter, Anja und Wolfgang, schenkten ihm die Wärme und Heimat, die er so selten in seinem Leben erfahren durfte.