»Lieber ein Himmel ohne Götter als ohne Wolken!«  Arno Schmidt (1)

 

Da die Götter schon seit geraumer Zeit nicht mehr im Himmel wohnen, und auch die Wissenschaft sich dem Phänomen der Wolken angenommen hat, um sie besser zu verstehen als das, was Magie und Volksglaube uns überliefert haben, sind auch diese Naturerscheinungen gewissermaßen entzaubert.

In den Zeiten, als man die Wolken nur von unten sah, mochte man in frommen,- um nicht zu sagen -surrealen Vorstellungen noch annehmen, daß in den unzugänglichen Regionen des Oberirdischen alles anders sei als hienieden. Denn wo sonst könnte,  von Wolken verborgen, das Göttliche sein?

Es ist noch nicht solange her, seit wir die Wolken auch von oben betrachten können. Wir wissen aber längst, daß wir auch beim Durchstoßen der Wolkendecke nicht mehr auf den frivolen Gedanken kommen dürfen, den Engeln unter die Röcke zu schauen. Sie haben sich endgültig in die Unsichtbarkeit verflüchtigt, gleichsam wie in die gänzlich durchsichtige Luft. Dennoch spricht ja nichts dagegen, weiterhin an die Existenz körperloser Geistwesen zu glauben. Ist aber nicht auch das, was man das »Geistige« nennt, an Mitteilungen gebunden, an Manifestationen vielfältigster Art,- wie sonst wäre es erfahrbar?

Um zurückzukommen zum Phänomen der Wolken, die uns faszinieren auf Grund ihrer steten Verwandlungen, ja ihrer Unbeständigkeit, dem unablässigen Wechsel der Formen und Farben, zumal der hochsommerlich prächtigen Wolkengebirge, auch ihres erst allmählichen Auftauchens scheinbar aus dem Nichts, und ihrer bisweilen völligen Auflösung im Blau des Himmels: diese immerwährenden Metamorphosen gleichen vielleicht am ehesten noch einem fernen Nachhall der Götter der Vorzeit, die in allen Erscheinungen der Natur gegenwärtig waren, etwa so wie der Wind, da er sich offenbart im Rauschen der Bäume.

Als Kind soll ich einmal gefragt haben, was der Wind mache, wenn er nicht windet. Mein väterlicher Freund Max Lippe, dem die Frage galt, wußte es auch nicht. Manchmal, so könnte man mutmaßen, müssen auch Naturgeister schlafen.

Will man sich nicht bloß kontemplativ der Betrachtung der Wolken und ihrer Wandlungen hingeben, so lassen sich solche Eindrücke vermittels der Künste wiedergeben, durch Poesie, Malerei, Fotografie und Film, um ihnen auf der ästhetischen Ebene beizukommen, sie also sozusagen zu verewigen. Im Vergleich zu gemalten Wolken, wobei die Sphäre der Luft gleichsam zu atmen scheint, wirken Wolken auf Fotos eher wie eingefroren, erstarrt. Hier erweist sich die Momentaufnahme in ihrer Beschränktheit am deutlichsten, und mehr noch bei Motiven von bewegten Gewässern, – Bächen und Flüssen, Wasserfällen, Meereswogen, jenem Element eben, aus dem die Wolken sich bilden. Wolkenfotos, so schön sie auch sein mögen in ihrer jeweiligen Einmaligkeit, eignen sich nach meinen Dafürhalten eher als Karteikarten für die entsprechenden Archive, was auch für Bilder aus dem Urlaub gilt. Hier sind wir schon ganz nahe am Urlaubsmotiv des Sonnenuntergangs, jener Kombination von Meer, Sonne, Wolken, was als Foto seltsamerweise immer kitschig wirkt, obwohl es nichts anderes ist als ein Abbild reiner Natur. Vielleicht ist es einfach zu schön um wahr zu sein. Vielleicht liegt es ja an den Farben des Naturabbildes,- vergleichsweise könnte man hier auf s/w Fotos von Wolken verweisen, deren Reduktion auf die Grauabstufungen  dramatischer wirken als der Umfang des Farbenspektrums.

Wolken im Film, im Kino, im Fernsehen sieht man immer wieder. Auf einigen Kanälen, die Kulturelles bedienen, zumal in Dokufiktions, ist es Mode geworden, im Zeitraffer Wolkenfelder über Landschaften rasen zu lassen, wo sie im Fluchtpunkt der Perspektive hinter Horizonten verschwinden, als würden die erdnahen Erscheinungen von unsichtbaren Kräften hinter der Erdbegrenzung angesogen. Es ist, als wolle man illustrieren, wie die Zeit vergeht, wie Jahrhunderte im Rückblick zusammenschrumpfen, bis man endlich angekommen ist in der Gegenwart der Reflexion. Die Erziehung des Zuschauer-Konsumenten zum schnellen Sehen folgt dem Diktat der Werbebranche und ihrer hysterischen Zumutungen. Durch die unnatürliche Schnelligkeit von Wolkenbewegungen, ihrer Entstehung und ihres Entschwindens, wird dem Zuschauer eine Erlebnisquote aufgedrängt, da man ihm eine geruhsame Betrachtung anscheinend nicht mehr zutraut in der Annahme, er könne sich womöglich langweilen. Es gibt jedoch auch eine „Nachhaltigkeit des Sehens“ im Sinne von Entschleunigung (2). Lange, aktionsarme Einstellungen im Kino, und zumal im Fernsehen, sind seit geraumer Zeit eine Seltenheit geworden.

Warum die Sommerwolken unten abgeflacht sind? Die Schatten an ihren Unterseiten unterstreichen ihre plastischen Formen wie horizontale Striche, die sich als umrissene Schattenfelder auf den Landschaften unter ihnen abzeichnen. Nach oben hin wölben sie sich wunderbar zu immer wieder anderen Gebilden, wenn man sie nur für kurze Zeit aus den Augen läßt. Seit dem späten Vormittag bis in den Nachmittag hinein stehen die Juliwolken scheinbar unbewegt über dem Land, obgleich sich, fast unmerklich, ihr Volumen stetig ändert. In perspektivischer Tiefenstaffelung bilden sie willkürliche Formationen bis hin zum Horizont. Am frühen Abend leuchten ihre oberen Ränder in unerhörter Helligkeit gegen das tiefer gewordene Blau des Himmels. Dann erst scheinen sie müde zu werden, wirken matt und diffus, bis ihre unteren Schichten im Osten in vielfach gebrochenem Gold erglühen, auch wenn die Sonne schon untergegangen ist, um bald darauf glanzloser zu werden und schließlich erlöschen.

Von den Wolkenerlebnissen, die schon längere Zeit zurückliegen, seinerzeit aber nicht aber nicht aufgeschrieben wurden, versuche ich hier, zwei sehr verschiedene wiederzugeben.

 

20. September 1984, Sizilien, Äolische Inseln, Panarea.
Gegen Abend wandern wir in Meeresnähe, als zunehmend heftiger werdendes Brausen die Luft erfüllt. Von Westen her kommen im Tiefflug mächtige Wolkenformationen heran, von Sekunde zu Sekunde mit wachsender Geschwindigkeit, schon sind sie über uns. Sie scheinen zum Greifen nah, obschon sie in einer kaum einzuschätzenden Höhe von vielleicht 30-50 Meter die Insel überfliegen. Bisweilen lies der der Wind nach und das ungestüme Brausen des Luftstroms erstarb nahezu gänzlich. Dann sah man, wie ringsherum das Volumen der Wolkensäulen stetig größer wurde, bis der gesamte Luftraum davon erfüllt war. Hin und wieder öffneten sich Löcher, die, größer werdend, den Blick freigaben auf Himmel und Meer. In den höheren Luftschichten zogen die Wolken gemächlicher dahin. Doch das war eine Täuschung, denn die Geschehnisse in der Nähe sind geschwinder als in größeren Entfernungen. Zudem war anzunehmen, daß die Windgeschwindigkeit dort oben eher größer sei als in Bodennähe, wo sich an Felsen, Bäumen und Häusern die Kraft des Luftstroms bricht, und an diesen Widerständen den Wind zum Heulen bringt. Staub wurde aufgewirbelt, lose Gegenstände flogen durch die Luft, Plastiktüten segelten weit hinauf, plötzliche Windböen zerrten am Laub eines Feigenbaums, blechernes Geschepper hie und da. Wir standen wie gebannt, den Blick mal hierhin mal dorthin wendend, dann wieder in die Höhe gerichtet. Die Farben der Wolken – sie glichen einer reichhaltigen Skala vom lichten Graublau bis hin zum dichtesten Anthrazit. Und die anderen Wolkenfarben: Weiß, Rosa, Gelb, in nicht weniger subtilen Abstufungen. Manchmal dominiert die eine oder andere Färbung für eine gewisse Zeit, selten jedoch ohne Beimischung anderer Nuancen, wobei die Übergänge im fortwährenden Farbgeschehen aufgrund fehlender Begrenzungen kaum auszumachen waren. Aber immer wieder gab es auch Zäsuren, optische Generalpausen gewissermaßen, als Ausblicke ins Bodenlose, oder als Bildausschnitte auf erdhaft Vertrautes. Plötzlich kamen mir die Fresken und Ölskizzen von Maulbertsch in den Sinn und ich meinte auf einmal zu sehen, das seine gemalten Wolkengebilde keine mutwilligen Übertreibungen waren. Statt einer artistischen Phantasie entsprungen,  werden Naturstudien ihm als Vorbild gedient haben. Die Natur selbst, so wird man ohne zu zögern sagen können, ist phantastisch.Das luftige Schauspiel der Formen und Farne kam mir vor wie eine nicht enden wollende, wortlose Erzählung. Bevor wir uns heimwärts wandten, sahen wir zu, wie lockere Wolkenverbände langsam nach Osten zogen. Vor kurzem befanden sie sich noch über uns. Herannahendes wird anders wahrgenommen als das sich Entfernende. Es war sozusagen ein optischer Dopplereffekt. Als Betrachter steht man am Scheitelpunkt verschiedener Richtungen, wobei das Geschehen selbst seine Richtung beibehält. Die lichtlos gewordenen Wolken, inzwischen ein verschwommenes schmales Band, waren schon nahe am Horizont, als auch die Trennlinie zwischen Himmel und Meer in der östlichen Dunkelheit verschwand. Wir sahen jetzt deutlicher einige verstreute Lichtpunkte von dem schon unsichtbar gewordenen Dorf. In dem Lokal das wir betraten, waren wir die einzigen Gäste. “Um diese Zeit“, sagte der Kellner, “wenn die Herbststürme beginnen, sind schon fast alle abgereist, auch das Personal verlässt dann die Inseln und zieht sich auf´s Festland zurück, nach Sizilien also und nach Kalabrien.“ Wir dachten an Odysseus, den es einst auf die Äolischen Inseln verschlug, den Inseln des griechischen Gottes der Winde. Nachts beim Wein auf einer windgeschützten Terrasse und einem Windlicht, schwankend zwischen Anschauung und Abstraktion, hätte ich vielleicht ,- wäre es mir damals schon eingefallen, folgendes notiert: Wolken sind undurchsichtig und gegenstandslos. Widerstand bieten sie zwar der Optik, nicht aber der Haptik. Metaphorisch gesprochen greift man ins Leere, wie gegen eine durchlässige Wand.- Die Farben der Wolken sind, in verschieden Graden in der Intensität, Weiß, Gelb, Rosa, Grau. Im Zusammenklang mit dem Blau des Himmels als Hintergrund beziehungsweise Durchblick könnte man sie auch als die Grundakkorde der Luft-Wasser-Farben bezeichnen. Ein besonderer Reiz liegt nach meinem Empfinden in der Reihe der Duo-Tonalitäten mit der Konstante Grau: grau/blau, grau/gelb, grau/rosa, grau/weiß.

Für sich genommen ist GRAU nichtssagend, eintönig. Die Qualität dieser Farbe kommt zum Tragen also erst in der Verbindung mit anderen Farben, denen sie zu einer gesteigerten Wirkung, ja Delikatesse verhilft. Die Unentschiedenheit des Graus, seine Neutralität, fungiert gewissermaßen basso kontinuo, zu dem eine jeweils andere Farbe die `Melodie´ darstellt. Ohne den Grundton Grau wirken alle andere Farben für sich genommen, wie solitäre Erscheinungen,-plakativ, aufdringlich, didaktisch, absolutistisch. Daher ist die Farbe Grau geradezu prädestiniert als Komplementär zu allen anderen Farben, dazu geeignet, mit ihnen eine harmonische Verbindung einzugehen.

Diese ´Wolkenfarbentheorie´, wie ich es nennen möchte, mag in ästhetischer Hinsicht vielleicht einleuchtend sein, entzieht sich aber der praktischen Anwendung.

 

10. Juni 1998, Griechenland, Halbinsel Mani.
Wie saßen Abends beisammen in einem Gartenlokal, auf halber Höhe zwischen Meer und Gebirge. In der näheren Umgebung das Konzert der Frösche, und vereinzelt, fast schüchtern hie und da Zikaden. Im Osten stand prächtig der volle Mond schon weit über dem Horizont. Ich hörte auf, den Gesprächen zu folgen und sah zu, wie Wolken den Mond passierten, was aussah als glitten sie durch ihn hindurch, von links nach rechts, gleich der Lese und Schreibrichtung. Bisweilen verdichteten sich die Wolken, bis nur noch eine diffuse Aura zusehen war im bewegten Grau, als dann auch diese verschwand und der Mond eine zeitlang vollständig absorbiert war. Doch alsbald wurden die Wolken durchsichtiger, bis sie die magisch strahlende Scheibe schließlich vollständig freigaben, und unverrückbar stand der Mond an seiner Stelle. Es lag das Mondlicht wieder über allem, zugleich tiefe scharf umrissene Schatten werfend. Doch bald zeigten sich erneut Wolken, und das Schauspiel von Statik und Dynamik setzte sich fort. Obwohl man weiß, das nicht der Mond sondern die Wolken sich bewegen, erliegt man der Illusion, der Mond rase durch die Wolken. Die Unterhaltungen der Menschen in nächster Nähe war wie Gemurmel, manchmal erhöht von plötzlich ausbrechendem Gelächter, das mich aufhorchen ließ, aber nicht verstand, weil es mir unmotiviert erschien.

Vielleicht war es diese Irritation, die mich an ein ganz anderes Schauspiel denken ließ, an das Naturtheater des Malers und Bühnenkünstlers Philippe Jaques de Loutherbourg, welches er um 1780 in London für Theateraufführungen erfand, und Eidophusikon nannte. Davon erzählte mir mein Freund Rüdiger Joppien (3) schon Anfang der 70er Jahre, der Theaterwissenschaften studierte und über  Loutherbourg seine Doktorartbeit geschrieben hatte in der dem  Eidophusikon – ein kleinformatiges Guckkastentheater ohne Darsteller – ein eigenes Kapitel gewidmet war. Erst kürzlich habe ich darin wieder einiges nachgelesen. Daraus möchte ich, gerade auch im Hinblick auf das Wolkenthema folgendes zitieren:

„Die künstlerisch geistigen Voraussetzungen zur Erfindung des  Eidophusikons (was soviel wie Nachahmung der Natur bedeutet) müssen vor allem in der Landschaftsmalerei und in ihrem derzeitig dringlichsten Problem der illusionistisch  vollkommenen Naturwiedergabe gesucht werden… Die Malerei wurde sich zwangsläufig darüber bewußt, bis an die Grenzen ihres Darstellungsvermögens vorgestoßen zu sein… Um die Effekte des Lichtes zu studieren, geht die Malerei nicht selten eine Verbindung mit den Naturwissenschaften ein, oder sollte man besser sagen, sie geht selbst naturwissenschaftlich vor, in dem sie sich experimentell betätigt… Lange bevor  Constable systematische Wolkenstudien betrieb,- die er mit solcher Exaktheit durchführte, daß er seine Blätter mit Beschreibungen des Ortes, der Zeit, der Wolkenformation und der Wetterlage katalogisierte,- war es schon Alexander Cozens (1717-1786) gewesen, der mit theoretischen Abhandlungen und Bildillustrationen auf die Wolke als eine Erscheinung abstrakter, atmosphärischer Bewegung und fortwährender koloristischer Wandelbarkeit aufmerksam machte… Die optischen Effekte des  Eidophusikons setzten sowohl das Publikum als auch die zeitgenössische Kunstwelt in Erstaunen. Von Gainsborough wird berichtet, das er das  Eidophusikon während der ersten Spielzeit (1781) nahezu jeden Abend besucht habe… Noch bis heute hat das  Eidophusikon seine historische Bedeutung bewahrt und kann zu Recht, wie Olive Cook in ihrem Buch „Movement in two Dimensions“ sagt, als eine wichtige Voraussetzung auf dem Weg zur Entdeckung des Kinos gelten.“

Der lange Weg von einer speziellen Variante des Theaters zum Kino, den moving pictures, oder dem Movie, wie man noch heute in England sagt! Für mich war es ein Leichtes, die oben beschriebene Naturszene mit der Videokamera aufzunehmen, die ich zum Glück zufällig dabei hatte.

 

Luke Howard, Goethe und die Poesie.
In den Jahrzehnten des Übergangs vom 18. zum 19. Jahrhundert, als sich die Künste und die Wissenschaften noch sehr nahe standen, hatte ein geradezu freundschaftlich zu nennender Austausch zwischen den so verschiedenen Disziplinen stattgefunden, ja gelegentlich bis zur bis zur gegenseitigen Verschränkung der Kompetenzen. Das prominenteste Beispiel hierfür dürfte Goethes Begeisterung und Anerkennung sein, die er dem englischen Wolkenforscher Luke Howard (1772-1864) entgegenbrachte. Nach dem Goethe 1815 Howards Essay über die Wolken gelesen hatte, schrieb er ein vierteiliges Gedicht auf der Basis von Howards lateinischer Klassifikation (Stratus, Kumulus, Zirrus, Nimbus), das er 1817 veröffentlichte.

„Die Bedeutung von Howards Klassifikation bestand für Goethe darin, das sie die materiellen Kräfte der Wolkenbildung erklärte und dabei zugleich die immateriellen Kräfte poetischen Echos hörbar werden ließ. Seine Gedichte sowie der ihnen vorausgehende Essay nahmen die Form genau solch einer Erwiderung an. Die Kunst konnte der Wissenschaft antworten… Howard wurde von Goethe als verwandter Geist erkannt und war der einzige Engländer, den jener als „Lehrer“ ansprach“. (4)

Und Goethe war es auch, der dafür sorgte, das neben anderen auch die Maler Carl Gustav Carus und Johan Christian Dahl von den Ergebnissen des Pioniers der Wolkenforschung in Kenntnis gesetzt wurden.

„Den Wolken wird vielleicht einstmals eine besondere Verehrung gezollt werden; als der einzigen sichtbaren Schranke, die den Menschen vom unendlichen Raum trennt, als der gnädige Vorhang vor der offenen vierten Wand unserer Erdenbühne.“  Christian Morgenstern (5)

Wetter, Wind und Wolken,- diese drei W hängen untrennbar miteinander zusammen. Während die Faszination für die Wolken nach wie vor unvermindert anhält, zumal für die prächtigen Wolkengebirge im Sommer, lernt indessen die Meteorologie ständig hinzu, was sehr nützlich ist für die Wettervorhersage. Sie bildet am Ende aller Nachrichten den notorischen Schlußpunkt wie das Amen in der Kirche. Durch die Fortschritte in der Wetterkunde ist man schließlich auch unabhängig geworden von den Launen der Götter. Und die althergebrachten Bauernregeln sind zunehmend unverlässlicher geworden, weil das Wetter immer häufiger verrückt spielt, was nunmehr den Wettergöttern nicht mehr angelastet werden kann.

Der Wetterbericht als eine mittlerweile recht zuverlässige, kurzfristig voraussagbare Zukunft verstanden, vermindert gewisse Unsicherheiten. Doch zu den häufigsten und geistlosesten Konversationen zählt noch immer das Wetter. „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ (6) Das ist, nach meinem Dafürhalten, einer der genialsten Werbesprüche aller Zeiten, oder zumindest doch einer der sympathischten. Er vermittelt Souveränität, Gelassenheit und Kompetenz, im Gegensatz zu dem aggressiven, humorlosen, dummdreisten Geschrei eines allgegenwärtigen Werbeimperiums. Freilich ist die Deutsche Bahn inzwischen auch nicht mehr auf der Höhe der Zeit, weder in technischer noch ästhetischer Hinsicht. Und der wunderbare Werbespruch, der heute nichts mehr gilt, dürfte vor annähernd 50 Jahren erfunden worden sein.

Man klagt wenn es heiß ist, und man klagt wenn es kalt ist oder regnet. Naturgemäß wünscht man immer das, was gerade nicht da ist, sei es die Sonne oder eine kühle Brise. Ich habe mir früh angewöhnt, mit Gleichmut das Wetter zu nehmen wie es ist. Das schöne landläufige Wort „Witterung“ ist kaum mehr in Gebrauch.

 

Kurt Benning, Juli 2014

 

 

1 Arno Schmidt, aus der Erzählung GADIR, 1948

2 Sten Naldony, Die Entdeckung der Langsamkeit, 1983

3 Rüdiger Joppien, Wolkenbilder – Die Entdeckung des Himmels, 2004

4 Richard Hamblyn, Die Erfindung der Wolken, 2001

5 Christian Morgenstern, Stufen, Kapitel 4, 1907

6 Werbeagentur McCann Erickson, 1966